Ich kann mich nicht entscheiden – das hilft dir weiter

Soll ich oder soll ich nicht?

Entscheidungen zu fällen ist für viele Menschen nicht leicht. Wähle ich die Pizza Hawai oder die Pizza Stagioni?

 

Wenn das Ergebnis unserer Entscheidung erheblichen Einfluss auf unsere Lebensgestaltung, unsere Zukunft hat, gestaltet sie sich meist viel schwerer.

 

„Soll ich oder soll ich nicht“ ist daher auch immer die letzte Frage, die man sich stellt, wenn man seinen Jobwechsel oder seine berufliche Neuorientierung bereits gut vorbereitet hat. Man hat seine Interessen und Stärken ermittelt, seine Werte geklärt und eine Vision entwickelt, wie es einmal sein soll. Und trotzdem bleibt da ein Zögern, als wenn unsichtbare Gummibänder uns zurückhielten.  

 

So erging es auch vor einiger Zeit einer meiner Coachees. Die junge Dame stand vor folgendem Problem: Sie hatte eine Stelle, in der sie sich wohl fühlte, genug verdiente und nicht befürchten musste, diese in nächster Zeit zu verlieren. Seit einem knappen Jahr hatte sie eine Beziehung zu einem Mann, der an einem anderen Ort wohnte und beide waren es inzwischen leid, noch länger eine Fernbeziehung zu führen. So hatte sie sich auf eine Stelle an seinem Wohnort beworben, war zum Vorstellungsgespräch eingeladen worden und hatte eine Zusage bekommen.

 

Was nun? Obwohl sie sich im Vorfeld alles sorgfältig überlegt hatte und sich unbedingt ein Ende dieser Fernbeziehung wünschte, fiel es ihr schwer, den neuen Arbeitsvertrag zu unterschreiben. Es schien ihr so endlich und unwiderruflich, dass sie sich nicht entscheiden konnte. So saß sie nun vor mir und bat mich, ihr bei dem Prozess der Entscheidungsfindung zu helfen.

 

Die Premortem-Methode

Die Entscheidung konnte ich ihr natürlich nicht abnehmen. Meine Aufgabe war es vielmehr, für sie einen Weg zu finden, eine solche treffen zu können. Da mein Coachee sehr reflektiert und überlegt erschien und sie mir sagte, dass sie Entscheidungen nicht gerne aus dem Bauch heraus träfe, entschloss ich mich, mit ihr zunächst nach der Premortem-Methode zu arbeiten.

 

 

Die Premortem-Methode von Gary Klein ist eigentlich für das Projektgeschäft entwickelt worden, eignet sich aber auch hervorragend für Entscheidungen bei der beruflichen Orientierung und ist eine gute Möglichkeit, aus einer Entscheidungsbredoullie herauszukommen. 

 

Was wäre, wenn ...

Nehmen wir einmal an, dass du dir nicht sicher bist, ob du das Angebot deines Vorgesetzten zum nächsten Karriereschritt annehmen oder nicht doch den Weg in die Selbstständigkeit wagen sollst, dann nimm dir zunächst einmal eine Stunde Zeit, um deiner Entscheidungsfindung genügend Raum zu geben. Nun legst du einen Zeitpunkt in der Zukunft fest – vielleicht in 5 Jahren – und denkst dir folgendes Szenario aus: Dein Plan, dich selbstständig zu machen, ist vollends gescheitert, eine einzige Katastrophe. Anschließend stellst du dir folgende Fragen:

 

- Was ist passiert?

- Welche Probleme sind aufgetreten? 

- Was hat deinen Plan scheitern lassen?

- Wovor hast du am meisten Angst? 

 

An diesem Punkt wirst du vielleicht zu Recht entgegnen, woher du denn all die möglichen Eventualitäten kennen sollst? In der Tat ist das ein Nachteil dieser Methode. Wir können immer nur von den Bausteinen ausgehen, die unsere Fantasie uns anbietet und die wir vielleicht schon aus eigenem Erleben kennen. D.h. uns kommen nur die Probleme in den Sinn, die uns in irgendeiner Form bekannt sind. Dem kannst du am leichtesten abhelfen, indem du andere Menschen, wie z.B. deinen Partner, der möglicherweise von deiner Entscheidung betroffen ist oder deine Freunde an deinem Brainstorming beteiligst.

 

Gemeinsam könnt ihr einen Pool an verschiedensten Ideen zusammentragen. Was könnt ihr euch alles an Problemen und Katastrophen vorstellen? Schließt nichts aus und denkt auch noch nicht in Lösungen. Erst nachdem euch wirklich nichts mehr einfällt, suchst du die 5 häufigsten, gravierendsten Probleme heraus, die du für am wahrscheinlichsten hältst und die dich hindern, eine Entscheidung zu treffen. Diese notierst du dann auf einem Zettel.

 

Lösungen entwickeln

Erst jetzt beginnst du in Lösungen zu denken. Wie kannst du verhindern, dass diese Probleme tatsächlich auftreten? Welche kannst du beeinflussen und welche nicht? Wer kann dir helfen, dass diese Probleme nicht auftreten?

 

Die Premortem-Methode unterstützt dich dabei, für all die schlimmen Gedanken, die dich lähmen, frühzeitig eine Lösung zu entwickeln.

 

Erscheinen dir die Probleme jedoch zu groß, solltest du nicht gleich aufgeben. Gehe noch einmal gezielt an die Lösungsfindung und ziehe eventuell auch noch weitere Menschen hinzu, die sich mit diesem Problem auskennen könnten. 

 

Letztlich benötigen wir immer etwas Mut Neues auszuprobieren (hilfreich hierzu mein Artikel "Mutig sein - dein Vorsatz für 2020?"). Veränderung heißt immer auch, die Angst zu überwinden. Aber es tut gut zu wissen, dass man mit Hilfe dieses Tools für ziemlich vieles schon ein Warnsystem eingerichtet und Lösungsoptionen in der Hinterhand hat.

 

Und meine Coachee?

Zurück zu meiner Coachee. Für sie war der Gedanke besonders schlimm, dass die Beziehung zerbrechen könnte. Hinzu kam die Angst, was aus ihr würde, wenn sie in ihrem Heimatort die Brücken hinter sich abgebrochen und dann nicht zurückkehren könnte? Was, wenn sie nicht mehr in ihren alten Job zurückkehren könnte und ihre früheren Freunde kein Interesse mehr an ihrer Person hätten? Was, wenn es ihr nicht gelänge, in der neuen Stadt weitere Beziehungen neben ihrer Partnerschaft aufbauen zu können? Sie sah sich privat und beruflich gescheitert.

 

Wir notierten all ihre Befürchtungen, wie es in 5 Jahren aussehen könnte und begannen dann, mögliche Lösungen für diese eventuell auftretenden Probleme zu kreieren. 

 

Die Entscheidung

Zunächst überlegten wir, was sie selbst dazu beitragen könnte, dass die Beziehung zu ihrem Partner hält und die Nähe wächst. Sie überlegte sich auch, welches Frühwarnsystem sie für sich aufstellen wollte, um frühzeitig gegensteuern zu können. So kam ihr die Idee, sich noch einmal Gedanken über ihre Konfliktfähigkeit zu machen und über Möglichkeiten, wie sie partnerschaftliche Probleme zukünftig ansprechen und lösen könnte.

 

Zudem beschloss sie, sich von Anfang an in der neuen Stadt auch andere Beziehungen aufzubauen und entwickelte Pläne, wie das funktionieren sollte.

 

Ihr war aber auch klar, dass es Dinge gibt, die sie nicht beeinflussen kann. So kann sie nur hoffen, dass auch ihrem Freund eine dauerhafte Beziehung wichtig ist. Auch wenn es ihr zunächst schwerfiel, ein Scheitern der Beziehung überhaupt in Betracht zu ziehen, erleichterte es sie schließlich doch darüber nachzudenken, wie sie in diesem Fall am besten mit der Situation umgehen könnte.

 

Sie entschloss sich auf jeden Fall die Möglichkeit offenzuhalten, an ihren alten Ort zurückkehren zu können. So nahm sie sich vor, ihre alten Freundschaften keinesfalls zu vernachlässigen und wir überlegten, wie es ihr gelingen könnte, mit ihrem alten Arbeitgeber ein Einvernehmen für eine eventuelle Rückkehr herstellen zu können. Sie wollte mit ihrem Chef diese Möglichkeit aktiv erörtern, zu ihrem Abschied ein gemeinsames Essen mit den Kollegen arrangieren und auch später immer wieder den Kontakt zu ihnen suchen.

 

Nachdem sie für all ihre schlimmsten Befürchtungen Lösungsmöglichkeiten gefunden hatte, überlegte sie schließlich noch, wer sie im schlimmsten Fall auch emotional unterstützen könnte. Sie machte sich klar, dass ihre Herkunftsfamilie und auch ihre beste Freundin ihr schon früher in schwierigen Situationen beigestanden hatten. Sie erkannte ihre Ressourcen und es nahm ihr die Angst vor einem möglichen Alleinsein. 

 

Als wir den gesamten Prozess durchlaufen hatten, konnte ich schon an ihrer Körperhaltung ihre Erleichterung spüren. Als sie schließlich sagte: „Ja, ich werde die Stelle annehmen und ich fühle mich gerade richtig gut“, war das für mich gar keine Überraschung mehr.